Kennen Sie noch die Zeiten, wo die übliche Lieferzeit – egal welche Ware bestellt wurde – ca. eine Woche betrug? Für Menschen unter 30 eine unvorstellbare Zeitspanne. In Zeiten von Amazon und eBay sind wir es gewohnt, dass die Ware bereits am nächsten Tag da ist. (Übrigens, wenn Sie bei der Buchhandlung Hanns Bauer vor 16 Uhr bestellen, können Sie das Werk i. d. R. am Folgetag um 11 Uhr abholen, ohne sich an der Ausbeutung von Angestellten und Scheinselbständigen von Post- und Paketdienstleistern schuldig zu machen!) Hier die passende Begleitmusik zum Artikel
Bei Wilhelm Breitinger Buch- u. Papierhandlung war das noch anders, wenn man etwas bestellte: Die Bestellung wurde von der Inhaberin Gisela Meyer in das Bestellbuch notiert, dann teilte sie mit, wann sie vorhabe, beim in fragekommenden Lieferanten wieder zu bestellen. Dabei war es durchaus üblich, dass Gisela Meyer antwortete: „Da habe ich erst vorgestern bestellt; ich bestelle da erst nächsten Monat wieder!“ Wie gesagt, für Menschen, die eine Zustellung am Folgetag für 4,20 EUR oder einen Monatsbeitrag von 7,99 EUR bei Amazon Prime für „normal“ halten, eine unvorstellbare Zeitspanne und unhaltbarer Zustand. So kann man doch in der heutigen Konsumgesellschaft nicht leben?
Doch! Viele Jahre und Jahrzehnte haben wir sehr gut so gelebt. Wir warteten auf ein – beim Buchhändler bestelltes Werk eine Woche, auf die Bestellung beim Katalogversandhändler 14 Tage und auf einen Daimler bis zu einem ½ Jahr. Gestorben sind wir alle nicht – auch wenn man beim Metzger damals noch die eigenen Schüsseln als Verpackung mitbringen durfte – und unglücklicher waren wir auch nicht! Vielmehr waren wir um einiges glücklicher als heute! Wir hatten andere Erwartungen: Wenn wir mit jemanden etwas verabreden wollten, riefen wir an für 23 Pfennige (= ca. 12 Ct); wenn etwas Wichtiges mitgeteilt werden sollte, schrieben wir einen Brief. Wir teilten der Welt nicht jede Belanglosigkeit im Minutentakt mit, aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Wir waren nicht gleich besorgt/beleidigt/enttäuscht, wenn der Adressat nicht innerhalb von fünf Minuten antwortete. Wir freuten uns, wenn uns die Waren und Briefe nach sieben Tagen zugestellt wurden. Heute ist man gleich alles drei auf einmal: besorgt, beleidigt und enttäuscht, falls am nächsten Tag noch kein Päckchen von einem abgehetzten Postzusteller geliefert wird oder die orange Benachrichtigungskarte im Briefkasten liegt, die uns bedeutet, dass wir wieder einmal länger im Postamt anstehen müssen, um ein längst erwartetes – so wichtig war es dann wohl auch nicht! – Päckchen abzuholen. Und das schönste an dieser herrlich ungehetzten Zeit war doch wohl, dass man sich es selbst und seinem (vermeintlich) guten Namen wert war, Nachrichten, Informationen und Briefe auf gutem Papier und mit guter Feder niederzuschreiben.
Wenn mein Großvater sel. A. jemanden einen Brief schrieb, so erfolgte dies in drei Schritten:
- Er sprach nicht von einem Entwurf, sondern nannte es (ich weiß nicht, ob das seinem Berufsstand geschuldet war oder seiner Abstammung), die Hebung der Urkunde.
- Diese hatte, wie übrigens im neuesten Churchill-Film auch thematisiert wurde, mit 1 ½-zeiligen Abstand geschrieben zu werden, damit man nach Herzenslust, mit Lackstift, zwischen die Zeilen schreiben konnte; auch der großzügig eingehaltene Rand wurde nicht verschont. Diese Überarbeitung (bei Großvater „Sequenz“ genannt) musste bei wichtigen Briefen über Nacht und bei weniger wichtigeren bis nach dem Mittagessen oder dem Spaziergang liegen bleiben.
- Nach dem erfolgten Mittagsschlaf oder eben erst am nächsten Morgen erfolgte dann die Reinschrift (Finale) auf bestem Papier. Diese war dann meistens so ausgereift, dass Beleidigungen, Bosheiten und Kränkungen so gut versteckt waren, dass sie der Empfänger nur bei höchster Geistesleistung als solche identifizieren konnte und sie in keinem Fall justiziabel waren.
Sie waren bei jenem Großvater auf feinstem Papier niedergeschrieben und mit dokumentenechter Tinte aus gutem Federhalter (man signiert schließlich mit seinem guten Namen!) unterzeichnet – alles selbstverständlich aus dem Hause Wilhelm Breitinger Buch- u. Papierhandlung (zumindest seit 1951) beschafft. Niemals wäre der gute Mann auf die Idee gekommen, die Grammatik schleifen zu lassen, einen orthographischen Irrtum zu übergehen oder die Interpunktion zu missachten. Eine derartige Nachlässigkeit hätte beim Empfänger den Eindruck erwecken können, er sei dem Absender nicht wichtig genug. Aber das galt stets auch für Notizen für sich selbst. Er war es sich eben wert, dass das, was er für notierenswert hielt, auch in schöner Form auf gutem Papier in einer soliden Kleinbindung niedergelegt wurde.
Für die Großmutter sel. A. (mütterlicherseits), die aus ganz anderen Kreisen stammt, wäre selbst ein maschinenschriftlicher Brief eine Unmöglichkeit gewesen. Alles was nicht mit der Hand geschrieben war, war unpersönlich, in der Folge also amtlich und damit notwendig. Das Notwendige kann aber keine Wertschätzung zum Ausdruck bringen, da es ohnehin notwendig ist. Also muss das Persönliche – weil es eben nicht notwendig ist – auch einen Wert und damit Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Demnach muss es handgeschrieben sein, so die Großmutter. So benutzte sie ausschließlich das gute, mehrfach gestrichene und damit besonders glatte und für Tinte hervorragend geeignete Zerkall-Papier.
Auch wenn dieser Familienzweig gar nicht in Dinkelsbühl lebt(e), war ich doch immer sehr erstaunt, dass Gisela Meyer in ihrer Schreibwarenhandlung immer genau dieses Papier vorrätig hatte. Offensichtlich hatte sie Kunden, die jenes Papier so schätzten, wie es meine Großmutter tat. Bei ihrem Gatten, meinem Großvater (mütterlicherseits), von allen nur respektvoll „der General“ genannt, musste auf dem weniger edlem Papier, zumindest bei allem was „nach Außen“ ging, die allgegenwärtige Dienstbezeichnung „Generaloberst a. D.“ und der volle Name eingedruckt sein. Auch wenn der alte Ostpreuße sein Papier nicht bei Wilhelm Breitinger – Buch- und Papierhandlung bezog oder bedrucken ließ, so hatte er dennoch Ansprüche, die heute nur noch versteht, wer der IKEA- und Amazon-geschuldeten Wegwerf- und Neulieferungsgesellschaft ganz andere, erdverbundene und tief wurzelnde Bewahrungsabsichten und Erhaltungswünsche entgegensetzt. (Ich bin mir mittlerweile sicher, dass der General – würde er heute noch leben – obwohl er ein alter, erzkonservativer Knochen war, Greta Thunberg gegenüber eine große Sympathie hegen würde, die er jedoch nur in kleinstem Kreise und niemals öffentlich zum Ausdruck brächte.)
Warum ich das alles erzähle? Weil der schreibwarenladen Wilhelm Breitinger – Buch- und Papierhandlung ein Plätzchen in meinem Leben war, wo man viel von diesem alten, mystischen Geist spüren konnte; tiefeingewoben in den Grundfasern eines zum Schluss zugegebenermaßen brüchig gewordenen Brokatstoffes, wie er in alten Schlössern an Vorhängen und Wandbespannungen über holzvertäfelten Lamperien manchmal noch zu sehen ist. Es war noch etwas spürbar, von einer längst untergegangenen Zeit, die heute nur noch in Büchern von Joseph Roth und Friedrich Torberg oder Artikeln von Marion Gräfin Dönhoff Erwähnung findet und im Bewusstsein Vieler, auch nach einigem Graben nicht mehr emporgefördert werden kann.
André Heller sagte mal in einem Interview, es gäbe Handbewegungen, sprachliche Wendungen die man bei Offizierswitwen des untergegangen K. u. K.-Reiches hätte ausmachen können, von denen andere behaupten, die hätten sie nie gesehen. Darauf gäbe es eben nur die Antwort, dass die die behaupten, dass hätte es nie gegeben, es eben nie kennen gelernt haben.
Kunst und Kultur, das Gute, Wahre und Schöne, waren hier, insbesondere wenn Werner Teuschel Dienst hatte, gegenwärtiger als in so mancher Buchhandlung, wo die Verkäuferin den Eindruck erweckt, sie beschäftige sich selten oder gar nicht mit Büchern und warte nur noch auf eine Erbschaft. Dieser kleine Fleck, der nicht nur ein Hort der vielen 1 000 schönen Dinge war, sondern auch ein Ort der kritischen Auseinandersetzung, ein Fels, an dem sich der Zeitgeist brach, wo man über (meist verfehlte) Stadt- und Altstadtpolitik, über Prestige-Stadträtinnen redete, über aus Feuchtwangen zugewanderte Verwaltungs-Schwarmintelligenz mit 80er Jahre Haarschnitt in Cowboy-Stiefeln lästern konnte. Man konnte über Rechtsanwälte, die das Wort Kollegen mit „C“ schreiben, seine Verwunderung teilen, über Stadträte mit Egoproblemen schimpfen, wenn sie den Denkmalschutz lautstark im Eis-Café gegenüber eigenmächtig außer Kraft setzten und man konnte sich über Bauunternehmer, die die Altstadt als ihr privates Disneyland betrachten, empören. Man wunderte sich mit den Inhabern gemeinsam über ein Kommunalregime, das überall „Schönste Altstadt Deutschlands“ beschilderte, aber metaphorisch die Perlen vor die Säue warf und wirft, die Spitalstiftung ausplündert und erlaubt, das Betonbunker und Plattenbauten vor eben diese schönste Altstadt Deutschlands gepfropft werden, wie es sich die Kommunisten 1970 in Ungarn nicht getraut hätten, weil selbst diese noch ein ästhetischeres Grundempfinden hatten. Kurz gesagt: Es war neben der Kultur, den er verkörperte, auch ein kommunikativer Platz des Verstandes und der Vernunft.
Dieser Ort ist nun nicht mehr! Der Laden wird in das Hotelkonglomerat Hezelhof eingefügt werden und – was man hört – ein weiterer, mit Proseccodunst erfüllter Ort werden, wo sich die Hautevolee und die Dinkelsbühler Bussi-Bussi-Gesellschaft treffen und sich gegenseitig höchster Zuneigung versichern und sich selbst feiern kann. Es lebe der Markt! Noch ein Hotel!
Wir jedoch, wir verneigen uns! Auch wenn Gisela Meyer und Werner Teuschel bestimmt nicht die besten Kaufleute im Sinne der Gewinnmaximierung waren, so waren sie uns – und insbesondere mir – eine redliche Kauffrau, ein ehrlicher Krämer, ihr Laden Wilhelm Breitinger – Buch- und Papierhandlung, ein Hort des Anstandes und ein Auswuchs an Beständigkeit, ein Platz des Innehaltens, eine Insel der Kultur (nicht nur der Schreibkultur) und ein Überbleibsel aus einer Welt, die kurz vor ihrer Ausrottung steht. Mit den besten Wünschen für einen würdigen und weihevollen Ruhestand mit vielen guten Jahren, grüßt Sie, Ihr Albrecht Insterburg.